Kurzgeschichten von Ralph Reichart

 

Wächter des Schicksals....

 

Er hatte seine Erinnerung verloren. Er hatte sie verloren, weil er nicht mehr wollte, dass diese Vergangenheit, in der er lange genug gelebt hatte, sich mit ihren plattfüßigen Verhaltensweisen permanent in seine Gegenwart einmischte. Als er im Krankenhaus aufgewacht war hatte man ihm erklärt, dass es sich um eine vorübergehende Amnesie handeln würde. Er wollte genau genommen nur wissen, warum er überhaupt in diesem Gebäudekomplex gelandet war. Was er zur Antwort erhielt war ein in die Ferne blickendes Schweigen. Der Arzt kam so in etwa jede zweite Stunde, um sich nach seinem Wohlbefinden zu erkunden und außerdem war er an ein EKG angeschlossen, dass er fortwährend im Hintergrund, mit seinen grünen Kurven, ihn grüßen sah. Eine Krankenschwester hatte ihren mitleidigen Blick unauffällig auf ihn gerichtet. Sie hatte sich einen Platz auf einem Stuhl in der Ecke gesucht und füllte geräuschvoll irgendwelche Listen aus. Er wollte sie ebenfalls fragen, warum und wie er hierher kam. Er konnte aus ihrem geschäftigen Schauen ersehen, dass es sinnlos sein würde. Sie durfte ihm keine Auskunft geben. Wenn er doch nur wenigstens gewusst hätte warum er an dieses Bett gefesselt war. Er fühlte keinerlei Schmerzen in seinem Körper. Überhaupt war das Einzige, dass er bewusst wahrnehmen konnte der Gang seiner Gedanken. Bei dem Versuch seine rotunterlaufenen, angeschwollenen und ausdruckslosen Augen zu bewegen, wollte er den Schrei seiner Leere loswerden. Er konnte aber nicht schreien. Nichts an seinem Körper ließ sich bewegen.

So nach und nach stieg eine Welle des Wohlgefühls in seinen Kopf. Sein Gehirn erkannte in träger Gelangweiltheit, dass es diesem Ansturm nicht gewachsen war. Die Funktionsweise dieses Körperteils schaltete sich nach und nach ab.

Er konnte spüren, dass eine große Hektik in seiner Umgebung ihren Lauf nahm. Personen oder ihre Umrisse konnte er nicht mehr erkennen. Er hatte auch nicht mehr die Möglichkeit konkret wahrzunehmen, was genau sich in seiner Umgebung abspielte. Er vermutete mit dem letzten Rest seiner Erinnerung, dass es der Zustand des Todes sein musste, in den er gerade im Begriff war zu verfallen.

Er spürte in weiter Ferne, wie an ihm herumgezerrt wurde. Sein Fleisch war im Begriff in ihren materieschweren, gefühlsunfähigen Urzustand zurückzukehren. Er verlor sein Bewusstsein komplett. Es war still um ihn geworden.

Sterne und Galaxien zogen im Entfernten Licht des Dunkels auf.

Eine lange Reihe an Gestalten machte sich an seinen Seiten einen Gang. Es waren Gesichter, die er noch nie erblickt hatte. Manche lachten, andere sahen ihn prüfend an, eine Gruppe sah starr auf ihn und wiederum eine andere Ansammlung schwirrte in flatternden Eindrücken an ihm vorbei. Die Sterne breiteten sich rings um ihn aus.

Bei genauerer Betrachtung seiner Umgebung konnte er erkennen, dass er in einem geräumigen Sessel Platz genommen hatte. Die mit Sternenkonfetti gespickte Wand vor ihm entpuppte sich als Leinwand.

Mit großer Überraschung stellte er fest, dass sich auf dieser Leinwand Konturen abzeichneten. Mit traumhaften Bildnissen wurde der Vorspann begonnen. Er sah wie er geboren wurde. Deutlich konnte er seine Kinderjahre in der Handlung wiedererkennen und auch die Zeitspanne seiner Pubertät und seines Erwachsenwerdens.

All diese Geschehnisse spielten sich in fröhlichen , bunten und spielerischen Aktivitäten ab. Endlich konnte er auch seine erste große Liebe wiedererkennen. Sie war aber immer nur schleierhaft dargestellt. In genau diesem Schleier verschwand sie auch wieder. Es folgte eine Sequenz mit den Jahren seiner Berufstätigkeit.

Diese Zeit war umgeben von grauen, geheimnisumwitterten Bildern. Immer wieder waren auch Menschen zu sehen, von denen er einst glaubte, dass er sie geliebt hatte. Als er sie in diesem Moment noch einmal erblickte konnte er sich nicht mehr gewiss sein, ob er sie jemals wirklich gemocht hatte. Sich darüber Gedanken zu machen wurde ihm aber keine Zeit gelassen.

Ohne Vorwarnung wurde ein Bild eingeblendet. Ein stechender Schmerz ging durch ihn hindurch. Es war ein Bild von ihm selbst. Er sah einen jungen Mann, der sich dazu entschlossen hatte einen bestimmten Weg einzuschlagen. Deutlich konnte er den Schmerz in seinem Gesicht erkennen. Deutlich konnte er erkennen, dass dieser Mensch einen schrecklichen Beschluss gefasst hatte. Er wollte ihm zurufen. Er versuchte auf sich aufmerksam zu machen. Es war ihm egal, was die Gestalten, die ihn fast unsichtbar umgaben denken würden. Falls diese überhaupt solche Fähigkeiten besaßen. Er fing an zu verzweifeln. Er konnte sich wieder erinnern was geschehen war. Er spürte ganz deutlich, dass dieser Mann, den er als sich selbst identifiziert hatte im Begriff war einen riesengroßen Fehler zu begehen. Er wollte sich töten. Er wollte sich selbst töten. Beim Anblick seines Ichs in dem Zustand, der vor ihm auf der Leinwand ablief, begann er zu bereuen. Er hatte verstanden, was in seiner Vergangenheit passiert war. Er hatte verstanden, warum es so abgelaufen war. Ein einziger Wunsch machte sich in seiner Existenz breit. Es war der Wunsch seinen Fehler zu korrigieren. Eine noch nie von ihm gekannte Reue ergriff ihn.

Er musste verstehen, dass er das Geschehene nicht mehr rückgängig machen konnte. Die Kraft, um dass, was sein ich machen wollte zu verhindern, hatte er nicht mehr.

Mit Tränen in den Augen lehnte er sich zurück und wartete auf das Ende. Mit verschwommenem Blick lehnte er sich zurück und entspannte sich. Er wusste, dass er in wenigen Augenblicken den Teil seines Lebens sehen würde, der vor kurzer Zeit durch ihn selbst verursacht worden war. Was dann folgte war ihm klar. Er würde tot sein. Der Film vor ihm lief gnadenlos weiter. Er sah wiederholt die Szene seines Selbstmordversuches. Er spürte deutlich seinen Fall ins Schwerelose. Er konnte fühlen, dass es nicht beim Versuch bleiben würde.

Sein Fall schritt voran. Tiefer und tiefer. Immer näher kam der harte Schwall des Todes. Er wartete mit geschlossenen Augen auf sein eigenes ich. Die Minuten vergingen. Er musste doch schon längst zu sich selbst gefunden haben. Nach einem tiefen Durchatmen öffnete er die Augen.

Er sah aber nicht sich selbst. Er sah jemanden, aber nicht sich selbst. Er sah einen Freund, den er vor langer Zeit verloren hatte und der den selben Fehler gemacht hatte, den er machen wollte. Er sah in seine Augen. Er sah ihn lächeln. Vorsichtig strich er ihm mit seiner Hand über sein Gesicht. Das tiefe Grau des Blickes von seinem Gegenüber überflutete ihn. Er sah in ihn rein. Er sah, dass er keine Chance hatte diese Welt freiwillig zu verlassen. Er hatte keine Chance, so lange diese Seele, die nach dem Tod dieses Menschen ein Teil seiner eigenen geworden war ihn beschützte. Von diesem Augenblick an glaubte er an Schutzengel.

Ein eisiger Frost hatte sich durch seine Jacke gefressen.

Er sah nach unten in die Tiefen des Flusses, der eine leise Brandung mit sich führte. Er lachte und lehnte sich zurück. Er wollte nur noch nach Hause. Es war Zeit ins Bett zu gehen.

Als er am nächsten Morgen aufwachte hatte er ein breites Lächeln auf seinem Gesicht.

Er freute sich darauf jemanden zu treffen.

 

 

© 2002 Ralph Reichart