Kurzgeschichten von Ralph Reichart
Der Lärm …
Den Lärm, den er hörte, stufte er Anfangs nicht richtig ein. Es hallte vielleicht das Schmettern von Blech auf anderes Blech. Möglicherweise klangen die Trümmer eines abstürzenden Flugzeuges, das in nicht allzu weiter Entfernung, nicht ganz unbeschadet zu Boden ging, so.
Er hatte ehrlich gesagt kein wirkliches Interesse daran, ob das eine oder das andere geschah.
Ihm war überhaupt alles egal, zumindest im Moment.
Seine Gedanken drehten sich seit einigen Wochen permanent im Kreis. Ein Kreis, der niemals einen Anfang und ein Ende zu haben schien. Genau aus diesem endlosen im Kreisrennen wollte er entkommen. Die Strasse, die er im Augenblick entlangging, kannte er inzwischen sehr gut. Der Eindruck, dass etwas ihn fernsteuerte blieb in seinem Gehirn verankert. Die Sonne fiel in einem spitzen Winkel in sein Gesicht. Sie blendete ihn. Aber auch diese kleine Unannehmlichkeit registrierte er nicht. Sein Weg führte ihn zum See. Hier suchte er sich einen ruhigen Platz zum Nachdenken. Wenn er nur wüsste worüber er nachdenken sollte. Dachte er in letzter Zeit nicht soviel nach, dass eigentlich gar nichts mehr übrig blieb, woran er zu denken hatte. Hatte er nicht schon alles gedacht? Wusste er nicht alle seine Fehler? Waren es überhaupt seine Fehler?
In den nächsten Minuten war er nicht in der Lage zu denken. Er lief seiner Fernsteuerung folgend am Ufer entlang. Die Sonne blendete nicht mehr ganz so extrem wie kurz zuvor. Die Bäume, wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen durfte, warfen ihre mickrigen Schatten auf die aufgeheizte Teerfläche. Die Hitze, die von dieser künstlichen Oberfläche ausging, störte ihn ebenso wenig, wie die Sonne, die Schatten oder was auch immer. Ihn störte nichts mehr. Er wollte nicht mehr, dass ihn irgendetwas störte.
Viel zu oft hatte er sich in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten aufgeregt. Viel zu oft über Vorkommnisse nachgegrübelt, über die er nicht nachgrübeln musste und auch nicht wollte. Wieso sollte überhaupt er darüber nachgrübeln?
Die Seepromenade änderte ihren geraden Lauf in leicht gebogene Windungen. Das Gebüsch wurde dichter und die Bäume, die hier standen, wohlgemerkt richtige Bäume in diesem Fall, waren uralt. Endlich kam er an der Stelle an, wo er alleine sein konnte in dieser touristenüberlaufenen Stadt. Dieser Ort war so versteckt, dass ihn wirklich nur die Menschen kannten, die hier schon länger lebten, oder diejenigen, die ihn durch Zufall entdeckten. Die Brandung der Seewellen, die er hier spürte und hörte weckte ihn aus dem Trancezustand auf. Diese Höhle des Schattens, wie er dieses Versteck gerne nannte, hatte eine mystische Wirkung auf ihn. Alle seine Probleme verschwanden mit einem Mal. Es war als ob sie niemals existierten. Hier gelang ihm das Denken problemlos. Hier fasste er Beschlüsse. Die Welt, wie sie war, verschwand von einem Augenblick zum nächsten. Was passierte, dass er in diesem sentimentalen Gemütszustand landete? Er verliebte sich. Er ließ seinen Emotionen freien Lauf, obwohl er es nicht wollte. Natürlich war es nichts Außergewöhnliches, sich zu verlieben. Es passierte wohl jede Sekunde auf diesem überbevölkerten Planenten, dass sich irgendjemand verliebte. Er empfand es trotzdem als Katastrophe, wie es jedes Mal im Desaster endete, wenn er sich verliebte. Dieses Mal kam es zum Superlativ des Üblen. Die früheren Krisenzustände bei solchen Gelegenheiten verliefen immer glimpflich. Nur jetzt eben nicht. Er wusste, dass man tötet, was man liebt. Aber er wusste nicht, dass es wirklich passieren konnte. Es war keine Tragödie, dass es passierte. Nein! In diesem Fall schrieb das Leben eine Komödie. Selbst der Akt der Tötung war eine Posse, eine Farce mit komischem Ausgang. Die Personen, die dabei getötet wurden, interessierten ihn nicht mehr. Sie waren tot. Er wusste, dass er sie tötete. Bei diesem Gedanken zog sich ein breites Grinsen über sein Gesicht. Er stellte sich gerade vor, was diese Menschen wohl davon hielten, dass sie nun tot waren. Das Grinsen ging in ein leises Lachen über. Sie waren tot und niemand würde jemals erfahren, dass er es war, der ihnen dieses Schicksal bestimmte. Er war glücklich. Er hatte gesiegt. Nie wieder würde er sich bei ihnen entschuldigen müssen. Er fuhr hoch. Er träumte alles nur. "Gott sei Dank nur ein Traum!", dachte er in seinem schlaftrunkenen Zustand und ging zurück zu seiner Wohnung.
Drei Tage später stand in der lokalen Zeitung folgende Schlagzeile auf dem Titelblatt: "Zwei Leichen am Rand des Seeufers unter der Böschung gefunden - Todesursache unbekannt. Die Polizei sucht männliche Person, die in der Nähe auf einer Bank schlief."
© 2001 Ralph Reichart
Literatur als Luxus

