Ralph Reichart

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Nur schlechte Politiker verkennen die Grenze zwischen Sinn und Unsinn.

 

Hans Schweizer

Literatur als Luxus

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Das Gespenst von Canterville 2009

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Kurzgeschichten von Ralph Reichart

 

Das tote Herz ...

 

Rennen! Rennen! Rennen! Das waren seine Gedanken. Schweißgebadet erwachte er aus einem Traum. Lautes Zwitschern der Vögel in den Bäumen auf der Terrasse im Vorhof drang zum Fenster herein. Unglücklicherweise war er des Öfteren sehr wütend über diese morgendlichen Ruhestörungen. Der Morgen? Der Morgen verkam bei ihm zu einer Uhrzeit, bis zu der andere Menschen einen halben Arbeitstag hinter sich brachten.

Ja, es gab wieder eine dieser üblichen Aufwachphasen, die bei ihm am frühen Nachmittag stattfanden. Mühsam streckte er sich unter seiner Decke. Er war schwach geworden.

In seinem Kopf spielten sich tausend Dinge gleichzeitig ab. Waren es Gedanken? Gaukelten nicht vielmehr bildartige Zustandsbeschreibungen seiner nicht mehr vorhandenen Realität der Fantasie in seinem Kopf etwas vor?

Die Realität verlor er irgendwann und irgendwann verlor er seine Gefühle. Er verlernte es, die Realität der Gefühle wahrzunehmen.

Er wollte nicht mehr fühlen. Für ihn waren Gefühle eine Art von Prostitution geworden. Sie bedeuteten für ihn die Prostitution seiner Seele. Seine Seele prostituierte sich so oft, dass sie es gar nicht mehr wahrnahm. Sein Kopf, sein Gehirn, die Materie und deren komplexe Zusammenhänge aus denen sein Körper bestand, die Eiweißverbindungen und die Schaltungen der Synapsen in seinem Gehirn, sie sagten ihm, dass er sich selbst und das, was er hoffte zu haben, seine Seele, verlor.

Sein nächster Gedanke war, dass so nicht mehr denken wollte.

Also raus aus dem Bett und ran an den Computer. Er kontrollierte schnell seine Emailpost und stellte fest, dass nichts Interessantes im Empfang lag.

Was sollte denn Spannendes passiert sein in den letzten paar Stunden, seit er diese Kiste ausschaltete? Zuletzt galt es, die Börsenkurse kurz zu prüfen.

Schnell gedacht und schneller getan - unspektakulär. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass die Zeit wie üblich davonrannte. Der Nachmittag schritt sehr weit fort. Eine Zigarette nach der anderen brannte er im Aschenbecher ab.

Er chattete tatsächlich wieder fast zwei Stunden mit diversen Leuten. Ein kurzer Blick auf die Uhr. Krampfhaft versuchte er irgendwelche Menschen zu erreichen, die ihn seine Einsamkeit vergessen ließen. Er war irgendwie, in irgendeiner dieser Kleinstädte gelandet, die groß genug wuchsen, um permanent eine Beschäftigung zu finden und um sich irgendwie abzulenken. Seit langer Zeit versuchte er, wenn irgendwie möglich, es zu verhindern, dass er mit sich selbst alleine verbrachte. In den vergangenen paar Monaten führte er dieses Unternehmen extrem erfolgreich aus. Er schaffte es, vor sich selbst und vor allem vor seinen Gefühlen davonzulaufen.

Er wollte sich nicht mehr verlieben. Dieses Nichtmehrwollen definierte den Grund, warum er fluchtartig seine alte Umgebung im Stich ließ und sein altes Umfeld und alles, was damit in Verbindung stand, aufgab. Er durfte neu beginnen und wollte neue Freunde finden. Ein gravierender Fehler überfiel sein geplantes System. Er hatte nicht zu einhundert Prozent abgeschlossen. Durch diesen Fehler fing er langsam, ohne dass er es anfangs merkte, wieder an, in seinen alten Trott zu verfallen. E fing an, seine alten Sünden zu wiederholen. Nach wenigen Wochen in der neuen Umgebung, verfiel er leider hoffnungslos seinen Gefühlen. Sein Herz traf einen Menschen, der die Situation des Werbenden und den Menschen im Allgemeinen abwehrte - einen Einzelgänger.

Es folgte eine Zeit der Folter und des Masochismus. Den Schlussstrich unter diese Selbstfolter setzte endlich der Selbsterhaltungstrieb seines Körpers.

Er sagte ihm auf brutale Art und Weise, dass er sein Werben besser aufgab. Er sollte es lassen, sich Menschen zu opfern, um sich selbst und seinem Masochismus Befriedigung zu verschaffen. Für wenige Tage zog er sich in seine Höhle zurück und stellte zu seiner Überraschung fest, dass es ihm keinerlei Probleme bereitete. Er registrierte in einer freudigen Überraschung, dass er keine Schmerzen fühlte. Er trat dem Menschen, für den er sich fast opferte, gegenüber, ohne auch nur das Geringste für ihn zu empfinden, was ihm Schmerzen bereitete. Er hatte noch Empfindungen ihm gegenüber. Ja doch! Es war das Empfinden des Mitleides. Er beobachtete, wie die Menschen sein Gegenüber verachteten. Er sah, dass sie ihn mit absoluter Gleichgültigkeit bestraften. Sie empfanden für ihn überhaupt nichts. Für sie war er jemand, den man akzeptierte und vielleicht sogar ein wenig respektierte. Trotzdem schlug ihr Herz ihm gegenüber tot. Ja, dieser Mensch tat ihm wirklich leid. Dieser Gedanke währte nur wenige Sekunden. Er wollte sich wegen dieser Art von Mensch nicht weiterhin den Kopf zerbrechen. Dieser Mann kostete ihn fast ein halbes Jahr seines Lebens, obwohl er ihn nur für wenige Wochen kannte. Kannte war das richtige Wort. Er war für ihn irgendwann nicht mehr existent und dieser Zustand würde sich auch nicht mehr ändern.

Das Ende der Prostitution seiner Seele hatte begonnen. Es galt die Trümmer, die entstanden, wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen. Er war sicher, dass einige Teile fehlten, es das Bild des Gesamten der Person, des Gesamten seiner Seele, in ihrer gesamten Ästhetik, trotzdem nicht beeinflusste.

Er stellte fest, dass er einige Zeit aus dem Fenster sah. Die Uhr blieb nicht stehen. Vielleicht ruft ja doch irgendjemand an. „Vielleicht ruft mich ja irgendjemand an, der es schafft meiner Seele wieder etwas an Größe zu geben." Diesen Weg verfolgten seine Gedanken, bevor er ins Bett fiel. Sein Wachsein hatte nur wenige Stunden gedauert. Doch diese paar wenigen Stunden kosteten ihn soviel an Kraft, dass seine Beine nicht mehr bereit waren, ihn zu tragen. Die Wiedergeburt war in vollem Gange. Sein Körper und der Rest von Irgendetwas, das er nicht definierte, arbeiteten emsig am Neuaufbau. Er schlief wieder ein und träumte. Wieder fieberte er vom Tot seines Herzens. Er wusste, dass es nicht das Ende, sondern einen Neuanfang plante. Er schreckte hoch. Ein Telefon klingelte. Erfreut setzte er sich senkrecht auf. Spontan verflog seine Müdigkeit. Sein Herz, sein körperliches Herz, begann schneller zu schlagen. Er hatte angerufen. Es war der Anfang eines neuen Todes. Er wusste es und doch wollte er es nicht wahrhaben.

Die Seele, am anderen Ende der Leitung, die mit ihm sprach, hatte vor wenigen Tagen auch sehr viel Zerstörung und Kummer erfahren.

Es war seine Schuld, dass diese Seele den Schmerz erfuhr, den er erst wenige Wochen zuvor an sich selbst, an seiner eigenen Seele verursachte. Es tat ihm unendlich leid. Es war zu spät. Es passierte und konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Es war der Umgang mit diesem, wie er hoffte, neuen Freund, der ihm wahrscheinlich langsam aber sicher seine Kraft wiedergab. Auf keinen Fall wollte er diesen Menschen verletzen. Noch mehr verletzten, als er es unabsichtlich sowieso tat.

Sei trafen sich des Öfteren. Sie unterhielten sich fantastisch. Für seine eigene Seele war es ein sich ständiges Erneuern. Für die Seele seines neuen Kumpels war es Ablenkung. Sie halfen sich gegenseitig. Es geschah jedoch etwas wovor er große Angst hatte. Es war sein Blick. Sein Lächeln. Es war seine Art, mit den Menschen umzugehen. Sie war so total verschieden von dem Menschen, den er erst wenige Wochen zuvor lernte zu vergessen. Dieser Mensch war kein Eisbrocken. Dieser Mensch gab anderen sehr, sehr viel. Dieser Mensch hatte Kraft, auch wenn er im Moment sehr verletzlich war.

Er hatte es diesem Mann nicht gesagt. Nicht bis heute. Er würde es ihm sagen.

Er sagte es ihm schnell, schneller als er es wollte. Er war sich nicht sicher, ob dieser Mann ihn richtig verstand. Er gestand diesem Mann, dass er sich in ihn verliebte. Dieses Geständnis drückte er jedoch nicht ganz korrekt aus.

Es war seine Seele, die sich in den Fremden verliebte. Sein Kopf sagte nein. Seine Seele sagte ja.

Sein Herz aber, sein Herz aber war tot.

 

© 2001 Ralph Reichart