Ralph Reichart

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Kluge Sprüche

Nur schlechte Politiker verkennen die Grenze zwischen Sinn und Unsinn.

 

Hans Schweizer

Literatur als Luxus

Aktuelle Neuerscheinung

Das Gespenst von Canterville 2009

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Kurzgeschichten von Ralph Reichart

 

Ausgang der Farben ...

 

"Hallöli!", rief das Grün in den Morgen und winkte mit einem Lächeln seinem Nachbarn zu. Dieser rümpfte nur die Nase. Da war es wieder, dieses unangenehme Grün. Wie konnte sich diese Farbe nur einbilden, von ihm gegrüßt zu werden? Er hasste diese Mischfarbe. Er war von reinster Natur und von absoluter Leuchtkraft. Sein Blau kannte jeder. Aber dieses Grün? Also, nein! Gezwungen lächelte er zurück. "Wünsche Dir ebenfalls einen schönen Tag." Wieso sagte er nur etwas? Bestimmt wollte sich diese unangenehme Erscheinung jetzt mit ihm unterhalten. Das Grün machte einen Hüpfer in seine Richtung und stierte ihn unangenehm an. Seine ihm schwer angeeignete Arroganz stieg in ihm hoch. Wie gerne wäre er doch geflüchtet. Aber es war nicht mehr möglich. Zwanghaft blieb er stehen und wartete auf den ersten ausgesprochenen Satz, der sich ihm nahenden Farbe. Es geschah nichts. Gar nichts! Grün hielt an und ignorierte ihn. Was war geschehen? Er folgte dem Blick des anderen Individuums. Oh mein Gott! Was musste er da sehen? Der Tag begann ja sehr gut. Da kam doch tatsächlich die auch noch. Er wollte und er musste weg. Aber wie? Da war es zum zweiten Mal an diesem Tage zu spät. Orange! Orange! Auch diese unreine Farbe wälzte sich in seine Bahnen. Er war so gut wie umzingelt. Konnte es noch schlimmer kommen? Die beiden anderen verfielen nach einer kurzen Begrüßung in eine fröhliche Unterhaltung. Orange rief ihm in ihrer exzentrischen Art eine lautstarke Begrüßung zu. Er hoffte, dass seine beiden Gäste, auf die er wartete, nicht sahen, dass er Umgang mit diesen Schmutzfarben, wie er sie gerne nannte, hatte. Er wurde immer nervöser und begann an seiner Farbe zu kauen. Ungeduldig registrierte er wie spät es wohl sein mochte. Die beiden, auf die er wartete kamen unpünktlich. Er verachtete Verspätung. Aber hasste er nicht alles, was sein geregeltes Leben aus der Bahn warf? Hasste er sich selbst? Er liebte seine Gestalt. Darüber gab es keine Zweifel! Was hinter dieser Vorspiegelung von Optik gegenüber der Umwelt stattfand, das kannte er nicht. Also blieb es für ihn ein Geheimnis, ob er es hassen sollte oder musste. Es war ihm eigentlich egal. Viel wichtiger schien, dass das, was die Elite, die Elite der Farben, die reinen Farben, über ihn dachten.

Der nächste Schweißausbruch stieg in ihm hoch. Weiterhin stand er alleine. Und was verlangte ihm das Schicksal in den nächsten Sekunden ab? Da kam die nächste, so eine. Er konnte sie nicht leiden. Vor allem nicht, wenn sie in Rudeln auftraten.

Vorsichtig wurde er an der Seite berührt. In dem Moment dachte er, dass er sich besser übergab. Sie wagte es doch tatsächlich, diese bunte Farbengestalt, ihn zu berühren. Ihn, der er eine der leuchtendsten und stärksten Farben überhaupt definierte. Er hasste Grün und Orange, aber Violett! Dafür gab es nur einen Ausdruck: Abgrundtiefer Ekel.

Er verlor seine Kontrolle. Unwirsch versuchte er dieser ihm viel zu nahe gekommenen Kombination aus Farben klarzumachen, dass sie sich gefälligst von ihm entfernte. Violett spürte instinktiv seine Abneigung. Ein letzter Versuch, freundlich zu sein, scheiterte. Violett zog sie sich zurück. Sie gesellte sich zu den beiden anderen bunten Erscheinungen. Von diesen wurde sie herzlichst begrüßt. Die zuvor bereits sehr fröhliche Konversation wurde nun noch bunter und lustiger.

Blau stand in diskreter Distanz. Zu gerne wusste er, worüber sie wohl sprachen. Bestimmt zogen sie über ihn her. Bestimmt machten sie sich über ihn lustig. Er sah verstohlen in ihre Richtung. Sie sollten keines Falls bemerken, dass er sie beobachtete.

Worüber sollen solche Gestalten denn sprechen? Durften sich solche Existenzen überhaupt unterhalten? Es konnte zumindest nichts Vernünftiges sein. Als er dabei ertappt wurde, dass sie seine Beobachtungen, die er über sie machte, bemerkten, wandte er sich unvermittelt ab. Er konnte aber aus seinem Blickwinkel wahrnehmen, dass sie lächelten und in seine Richtung zeigten.

Sie winkten! Sie winkten in seine Richtung! Wieso winkten sie ihm? Er zeigte nicht die geringste Regung. Kalt, wie das Blau seiner Farbe, ließ er nicht die geringste Bewegung bemerken. Eiskalt strahlte er in den Raum, in dem er sich befand.

Das Winken hörte nicht auf. Eine Aggression stieg in ihm hoch. Er fühlte sich wehrlos und sein Fluchtverlangen endete überhaupt nicht. Da kam ihm langsam aber sicher der Verdacht, dass gar nicht er damit gemeint war. Er änderte seine Richtung und sah nach hinten. Ihm wurde schwindelig. Mühsam hielt er sich auf seinem Standpunkt. Zu seinem Entsetzen musste er feststellen, dass zwei weitere Individuen des Spektrums im Anmarsch waren. Mit lustigen Schritten und einer überquellenden Freude in ihrem Ausdruck, näherten sich Türkis und Pink. Wie bereits zuvor war auch ihre Begrüßung ihm gegenüber freundlich und herzlich ehrlich. Eine müde Reaktion war sein Dank. Die eisige Kälte seiner Farbe, auf die er sich doch so viel einbildete, erreichte ihren Höhepunkt. Tiefste polare Minuspunkte verließen seine Aura. Der Übermut der anderen Fünf nahm weiterhin zu. Sie schienen sich über Irgendetwas oder auf Etwas zu freuen.

Wo blieben nur seine beiden Standeskollegen? Warum waren sie noch nicht da? Wo waren Rot und Gelb? Er wusste, dass er ihnen Vorwürfe machen würde. Er hasste Unzuverlässigkeit.

Er wartete und wartete... Er musste auf sie warten. Er war nicht in der Lage, ohne sie den Plan zu verwirklichen.

Nur mit deren Hilfe konnte er ein für alle Mal diese Schmutzfarben los werden. Nur mit deren Hilfe konnte er sich befreien.

Alleine, wie er war, beobachtete er weiterhin das bunte Treiben um sich herum. Seine Kälte blieb konstant. Sehnsüchtig versuchte er die Beiden, auf die er wartete zu finden. Die Zeit floss dahin. Seine Zweifel über ihre Ankunft nahmen in demselben Maße zu.

Endlich waren sie in größerer Entfernung zu erkennen. Er konnte sie winken sehen. Er winkte zurück. Sie kamen näher. Mit ausgestreckten Armen ging er ihnen entgegen. Überrascht sahen sie ihn an. Der eine entfernte sich nach links, der andere nach rechts. Sie winkten immer noch. Aber sie winkten nicht ihm. Sie übersahen ihn einfach und stürzten sich mit großer Freude in die Gesellschaft von Grün, Orange, Violett, Türkis und Pink.

In diesem Moment brach seine Welt für ihn zusammen. Seine Farbe änderte sich. Wie ein langsam schmelzendes, in sich versiegendes Stück gefrorenes Wasser, sank er in sich zusammen. Er konnte selbst nicht mehr sein Blau erkennen. Eine Dunkelheit, von tödlicher Intensität umgab ihn von einer Sekunde zur anderen. Er fing an zu fallen. Sein Herz setzte aus. Doch dann, hörte er etwas, an das er sich kaum noch erinnern konnte. Es war Musik. Er sah aber nicht nach oben. Er wollte nur noch in seinem Selbstmitleid versinken.

Die Musik wurde lauter. Schüchtern verschreckt stahl er sich den Augenblick und hörte verlegen zu den sieben anderen Farben. Sie waren irgendwann einmal alle seine Freunde gewesen. Seine überhebliche Art und Intoleranz hatte sie immer weiter von ihm entfernt. Jetzt waren sie alle weg. Er hatte auf Gelb und Rot gebaut. Sie waren doch von seinem Stand. Sie waren wie er. Er hatte es wenigstens immer gedacht. Die Musik lief weiterhin.

Er hatte inzwischen seine Augen geschlossen. Er wollte nichts mehr sehen. Er wollte sich am liebsten in einer Wolke auflösen. Der Zustand seiner Depression war inzwischen genau so groß, wie die Tiefe des Schwarz, in das er gefallen war und der Tot seines Herzens. Er stürzte und stürzte. Ein Blitz der Gefühle schoss mit einem Mal durch seine verletzte Seele. Er wurde umarmt. Fast erschrocken von diesem Erlebnis fuhr er aus seiner Starre hoch. Plötzlich wurde er geküsst. Plötzlich war er umgeben von Farben. Sie sangen alle ein Lied. Sie sangen für ihn. Er war umringt von den sieben anderen. Alle gratulierten ihm.

Das Blau, auf das er doch so stolz war, versiegte im bunten Kreis seiner Gefährten. Aber nicht nur sein Blau war verschwunden. Sie alle hatten ihre Farbe verloren. Es war nur noch die Farbe des Regenbogens zu sehen. Sie hatten alle die gleiche Farbe angenommen. Er hatte verstanden, dass sie alle eine Familie waren. Sie gehörten zusammen.

Er lachte mit seinem Herzen. Er lachte über seine Dummheit. Er lachte seine Freunde an. Aus dieser Menge löste sich eine einzelne Figur. Sie stellte sich vor ihn. Sie umarmte ihn. Es war die Figur, die ihn zuvor bereits geküsst hatte.

Er hörte nur noch ein leises Flüstern: "Alles wird gut!"

 

 

 

© 2001 Ralph Reichart